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10 Jahre KAJ – was haben sie mir gebracht?

INSPIRATION FÜRS GANZE LEBEN

 

  Bald schon nach dem Krieg hat sich die Katholische Jugend aufgegliedert, da die KAJ und die KLJ bereits weltweite Bewegungen waren.

  Ich bin 1960 zur KAJ gegangen, weil damals die Schule für mich vorbei war, und ich dachte, auf diese Art und Weise weiterhin Bildung in meinem Glauben zu bekommen. Ich bekam sie in einer Weise, wie ich gar nicht ahnen konnte! „Die KAJ ist eine Schule, in der man praktisch lernt, wie man christlich lebt“, sagte uns unser Gründer Josef Cardijn, später Kardinal. Ich bin in den 10 Jahren meines Dabeiseins in der KAJ alle Führungspositionen durchgegangen, von der Aktivistenrunden-Leiterin, über Jung-KAJ- und Pfarrführerin, Gebietsführerin, diözesane Betriebsverantwortliche, und schließlich Diözesansekretärin. Am Anfang war ich auch Jungschar-Führerin für die 8 – 10-jährigen, von denen ich auch noch heute mit Einigen Verbindung habe.

  Mein internationales Denken, das später sogar in der Seefahrt mündete, mein Verständnis und meine Liebe zu allen, besonders auch anderen Völkern und Kulturen, wurde in der KAJ ganz enorm ausgeweitet. Wir wussten genau um die Probleme und Freuden in Indien, in Peru, in Afrika, in ganz Europa Bescheid, kannten die Nationalleitungen per Namen. Über meinem Bett hing die Weltkarte, in der Nadeln die Länder mit KAJ bezeichneten. In Hongkong konnte ich später dann mal eine dieser Nationalleitungen besuchen.

  In der wöchentlichen Aktivistenrunde lasen wir einige Sätze der Bibel, und fragten uns, wie wir das in unserem Leben anwenden können, dann erzählten wir aus unserem Leben, und fragten, was Jesus in diesem Fall getan hätte. Welch eine ausgezeichnete Bildung! Sehen, Urteilen, Handeln waren die Methode, aber dahinter musste der Geist stecken, der uns vermittelt wurde.

   Plötzlich hatte auch unser Arbeiten Sinn, war Mitarbeit am Werk Gottes, jede kleinste Tätigkeit in Fabrik, Werkstätte oder Büro, in Beruf und Freizeit, ja jede Tätigkeit überhaupt. Das KAJ-Gebet, das wir täglich beteten, drückte es aus, und wir beten es noch heute. In der KAB hat dieser Geist seine Fortsetzung gefunden.
  Einige der für mich einschneidendsten Sätze Cardijns:
  „Jeder Jungarbeiter, jede Jungarbeiterin hat hier auf Erden eine Aufgabe und eine Mission zu erfüllen, einen Auftrag zu verwirklichen, wie die größten Menschen auf der Welt.”

  „In zweiter Linie hat jeder und jede ihren Auftrag zu erfüllen durch die einfachen alltäglichen Handlungen in seinem Lebenskreis.”

  „Von jeder dieser einfachen Handlungen des Alltags hängt das persönliche Glück des einzelnen ab. Er wird glücklich oder unglücklich sein, je nachdem ob er den Wert seiner täglichen Handlungen versteht oder nicht erkennt.”

  „Sein Glück von heute und morgen, das Glück seiner Familie, seiner Brautzeit, seiner Ehe ... das Glück der Menschen, mit denen er jetzt lebt und morgen leben wird, das Glück seiner Kinder – all das hängt von seinen einfachen alltäglichen Handlungen und Reaktionen ab. Und nicht nur sein eigenes Glück, sondern das Glück aller Menschen, die Erhebung der ganzen Arbeiterklasse, ja selbst das Werk Gottes.”

  „Jeder und jede hat hier nicht nur eine menschliche, sondern auch eine göttliche Rolle. Jeder von ihnen hat den Herrgott in seiner Umgebung zu vertreten. Jeder ist Ebenbild Gottes. Er ist mit einer Mission beauftragt - ein Abgeordneter Gottes. Und wenn einer diese Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde, nicht erfüllt - so kann sie Gott - auch wenn er allmächtig ist - nicht für ihn erfüllen. Man könnte sagen, dass Gott dann ohnmächtig ist; denn Er hat uns den freien Willen gegeben, und wir können uns entscheiden, ob wir seinen Auftrag ausführen oder nicht.”

   Wäre es nicht großartig, wenn dieses Bewusstsein auch heute in jedem jungen, ja in jedem Menschen vorhanden wäre? Manch ein Persönlichkeitstrainer verwendet ähnliche Worte, spricht von der Wichtigkeit des Mission Statements. Für mich war das damals eine Offenbarung, die mein ganzes junges Leben erhob. Im Laufe der Jahrzehntehat sich dieses Wissen, und das Streben nach seiner Umsetzung nur gesteigert.

  1961 erlebte ich den 80-jährigen Josef Cardijn das erste Mal in Lockenhaus. Ein Feuer sprühte aus diesem Mann, das uns aufs Neue anspornte. 1965 durfte ich in seiner Privatkapelle in Brüssel mit ihm Messe feiern, da war er gerade Kardinal geworden. „Das ist eine große Leistung für die KAJ“, erklärte der bescheidene Mann.

  1964 haben wir die Europa-Idee durch das Europa-Rallye durch drei Länder nach Straßburg in unsere Reihen getragen.

  „Europa, das muss werden, das ist uns allen klar, nicht nur auf Konferenzen, denn das wär’ ´ne Gefahr, man muss in jedem Nachbarn den Freund und Bruder seh’n, das ist das beste Fundament und schief kann da nichts geh’n.“ „… Wir sind als gute Freunde, der Zeit ein Stück voraus.“ – Unser Europa-Lied, ist es nicht heute noch aktueller als damals?

  Wir gründeten 1964 das Betriebsseminar, in dem wir soziales und religiöses Wissen vermittelt bekamen, um unseren Arbeitskolleginnen und –kollegen in den Fabriken, im Krankenhaus besser in ihren Sorgen und Problemen helfen zu können. Ja wir gingen von den Büros in diese Betriebe hinein, um ihr Leben zu teilen. Auch Jugend-Leiterkurse kamen später im Betriebsseminar dazu.

  Unser Gebet für die Freiheit der Ostländer, das 1954 in Mariazell begann, und sich in vielen Aktionen weiterführte, hat seine Erfüllung gefunden. Tränen standen mir in den Augen als ich das erste Mal mit Ostdeutschen, einer Ordensfrau und ihrer Schwester in Mariazell redete, und danach eine Ungarn-Prozession herein singen sah.

  „Nicht Sklaven, nicht Maschinen, nicht Lasttiere seid ihr, sondern Söhne und Töchter Gottes.“

  Erst durch die Autobiographie des indischen Yoga-Meisters Paramahansa Yogananda, in der er über seine Begegnungen mit außerordentlichen Menschen von Gandhi bis Theresa von Konnersreuth schreibt, begriff ich, wie dieses Sohn- und Tochtersein aussehen könnte. Wie viel mehr Jesus von uns wollte, das selbst heute – 2000 Jahre danach – nur von einzelnen erfüllt wurde, aber in uns allen angelegt ist: „Ihr werdet dieselben Werke vollbringen, die ich vollbringe, ja noch größere!“ (Joh 14,12- 14), „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“, (Joh 10,10) betonte Jesus in SEINEM Mission Statement.  

  Da waren auch unsere so inspirierenden Lieder, wir sangen mit Leidenschaft, bei allen Studientagungen, Treffen, Fahrten, Schilagern, von denen ich in der Steiermark viele mitmachte; das erste Mal noch mit Bischof Weber als Diözesanseelsorger. Im Sommer durfte ich erleben, welche Liebe dieser Mann ausströmt. Auch er hat sein Leben vervollkommnet. Später preschte ich noch mehr nach ganz Österreich aus. „Nationaler KAJ-Vagabund“ nannten sie mich, aber ich konnte nicht genug aufsaugen von dem Wissen, von der Freundschaft, die mein Leben so sehr bereicherten.

  Gerade, am 28. 11., war der Geburtstag von Maria Madlener, einer unserer Nationalleiterinnen, später Leiterin des Betriebsseminars, die vielen von uns ständiges Vorbild und Inspiration war. Am 12. 11. war es 10 Jahre, dass sie hinüber gegangen ist in die andere Welt.

  Hier einige Zeilen eines Liedes von Ruth Musall, einer ersten Nationalleiterin: „Und ein Ruf hat uns gefunden in der schweren Nacht, hält in Wahrheit uns verbunden, was auch kommen mag, keine Sklaven, keine Maschinen, Kinder Gottes in der Welt, unsere Würde ist das Dienen, das die Liebe hält.“

  Diese Haltung ist mir heute erstrebenswerter als je zuvor. Tausend Dank, dir Vater Cardijn, dass Du das, was uns Christus sagen wollte, so wunderbar weitergegeben hast, danke KAJ, danke Euch allen, die ihr mir begegnet seid, den Führenden, den Priestern – unser Ernst Pöschl trägt ebenfalls heute noch diese Werte weiter – und Bischöfen – unser Paul Iby war 1960 mein erster Kaplan in der Pfarre, und auch er hat die Liebe in seinen Wahlspruch genommen – die davon geprägt waren und sind, und den vielen Mitgliedern, einfach Euch allen, die mir Freunde wurden, und heute noch sind!

 

Eisenstadt, 29.11. 2006                GUCKI – INGRID MARIA LINHART

Bilder von der 60-Jahr-Feier in Wien, vom Sommer mit den ehemaligen KAJ-Freigestellten auf http://www.genie-dimensionen.net/Fotos.htm

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